Der Blog erscheint beschäftigt sich mit den Themen Agilität, Agilissence und Komplexität.

Neben
Definitionen, um im Jungle von Buzzwords mit Missverständnissen aufzuräumen, geht es vor allem um die Voraussetzungen für den Einsatz von Agilissence, die einzelnen Elemente, sowie um Schlussfolgerungen, die sich bei der Arbeit mit dem Konzept ergeben.
Camping im Garten

Was Camping mit Agilität zu tun hat

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Meine Frau und ich haben uns letztes Wochenende dazu entschieden, uns einen kleinen VW-Bus auszuleihen und 3 Nächte auf einem unbebauten Grundstück zu campen. Für mich war es das erste Mal und dementsprechend aufgeregt war ich. Wir haben den Bus Freitag Nachmittag abgeholt, mit allem beladen, was wir glaubten, zu benötigen und sind dann los Richtung Berliner Umland, wo eine Freundin von uns das Grundstück hat. Es ist recht klein und hat viele Bäume, sodass wir uns mit Müh und Not ausbreiten hinstellen konnten, aber dann wurde es recht gemütlich, mit ausgefahrener Markise und Grill. Leider begann es, kurz bevor die Kohlen bereit waren, an zu regnen, sodass wir schnell zusammenpacken und den Abend im Bus verbringen mussten. Das ging uns die nächsten zwei Tage abends genauso, obwohl die Wettervorhersage etwas anderes erwarten ließ.

Trotzdem hatten wir eine schöne Zeit. Wenn die Sonne schien, haben wir uns auf unsere Fahrräder geschwungen, im nahe gelegenen See gebadet und unsere Sachen getrocknet. Grillen ging halt zwischen den Schauern und wir hatten einen Herd, auf dem wir Nudeln und Kaffee machen konnten. Das größte Problem für uns, mit unseren 5 Jahrzehnten auf dem Buckel, war das Schlafen. Das Bett war nur 115 cm breit und wir haben uns die ganze Nacht gestupst, gestoßen und geflucht. Montag Mittag sind wir dann wieder in Berlin angekommen und haben den Bus zurückgegeben. Zu Hause angekommen waren wir, wie nach einem Jetlag, völlig platt.

Warum erzähle ich das? Als Berater und Coach bringe ich Leute im Unternehmen dazu, gewohnte Prozesse, Strukturen und ggf. auch sich selbst und ihr Umfeld zu verändern. Das hat viel mit meinem Wochenende-Erlebnis zu tun und hat mir mal wieder aufgezeigt, wie leicht sich Alltagssituationen übertragen lassen.

Die Komfortzone zu verlassen hat nicht immer mit Angst zu tun

Etwas zu ändern, woran man sich gewöhnt hat, erfolgt nicht nur aus Angst, sondern zum Beispiel auch aus Neugierde oder Lust auf etwas Neues. Veränderung fällt nur schwer und tut weh, wenn es aus der eigenen Sicht keinen Anlass gibt, etwas zu ändern, respektive zu verbessern. Wenn ich Kopf­schmerzen habe, fällt die Veränderung hin zu keinem Kopfschmerz ja auch leicht. Die Aufgabe ist es daher, herauszufinden, ob es Schmerzen gibt und wo die eigentlich sind. Oft hat man sich nämlich schon daran gewöhnt, wie der Frosch im Wasserbad, oder man verwechselt die Stelle, wo die Schmerzen bemerkbar werden mit der Stelle, wo sie auftreten. Der Kopfschmerz kommt zum Beispiel vielleicht durch Verspannungen im Nacken oder durch einen Wetterumschwung. Kopfschmerztabletten helfen hier nur, die Symptome zu beseitigen. Nachhaltig ist das nicht. Um die Schmerzen aufzulösen, braucht es langsame und stetige Veränderung, etwa regelmäßige Lockerungsübungen, das Entwickeln einer anderen Sitzhaltung oder einen größeren Camper, um ein größeres Bett zu haben und somit gemütlicher schlafen zu können. Das ist Agilität: Inspect and Adapt.

Meine Schlussfolgerung: Die Veränderung ist also weniger schmerzhaft, wenn die Voraussetzung Schmerz, Neugierde oder Lust ist.

Prioritäten folgen Notwendigkeiten

Als wir uns vor dem Campen unterhalten haben, was wir alles an dem Wochenende machen wollen, kam uns Dinge in den Sinn, wie Wikingerschach und Speedminton spielen, entspannen in der Hängematte und lange Wanderungen. Das Wetter machte uns dann einen Strich durch die Rechnung und wir mussten unsere Pläne anpassen. Deshalb ist es keine gewinnbringende Idee, zu lange in die Zukunft zu planen. Besser ist es, möglichst viele Optionen zur Verfügung zu haben. So ist man vorbereitet, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen. Hilfreich war es für uns, im Vorfeld Gespräche mit Camping-Fans zu führen. So wußten wir, dass es immer wieder zu Überraschungen kommt. Ganz verhindern konnten wir die ein oder andere Enttäuschung damit aber nicht.

Das gilt auch für das Thema Resilienz. Ein Unternehmen sollte immer damit rechnen, dass sich Dinge ändern. So kann es sich darauf vorbereiten, Optionen aufzubauen und die Echtzeit-Wahrnehmung zu schärfen. Ein guter Weg, um das zu erreichen ist, es, die verschiedenen System-Aspekte im Blick zu behalten. Was tut sich im Markt? Sind die Strukturen und Rollen so gewählt, dass spontane Änderungen möglich sind? Können Mitarbeiter notfalls andere Rollen übernehmen? Werden Entscheidungen möglichst dort getroffen, wo sie anfallen und wo die Expertise ist? Ist jedem klar, wie im Zweifelsfall zu entscheiden ist?

Wer diese Aspekte im Auge behält und immer wieder überprüft, zum Beispiel durch ein Transformation-Team, hat gute Chancen, sich gut auf Veränderung einzustellen.

Meine Schlussfolgerung: Überraschungen kommen immer. Wer das weiß, kommt damit besser klar.

Teamorientierung ist leicht, wenn es sein muss

Meine Frau regt sich zu Hause gerne darüber auf, dass ich zu wenig im Haushalt mache. Wir sind beide arbeiten und abends erschöpft. Dazu kommt, dass ich häufig nur am Wochenende da bin. Natürlich bemühe ich mich darum, mich einzubringen, aber auszureichen scheint es eigentlich nie. Wir haben schon alles versucht, Kanban-Boards, Rollendefinitionen, Retrospektiven und Kaizen-Items. Ich finde es toll von ihr, dass sie sich immer wieder auf diese Methoden einlässt. Entscheidend geändert hat sich aber nichts. Im Camping-Urlaub war das anders, plötzlich waren wir ein Team. Auch ohne Rollendefinition und Kanban-Board war klar, was als Nächstes und jetzt getan werden muss, um die Sachen aus dem Regen zu bekommen und zu verhindern, dass nachts Waschbären unseren Stellplatz verwüsten. Ich glaube, das lag daran, dass die Dinge eigentlich immer dringend waren und sofort getan werden mussten. Und es lag daran, dass wir beide zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren und sofort sahen, was der andere macht und was parallel noch zu tun ist. Wir hatten das gleiche Verständnis darüber, was zu tun ist, wo der Partner Hilfe benötigt und wie wir die Dinge schnell geregelt bekommen. Zu Hause gibt es da mehr Spielraum für Missverständnisse.

Analog ist es im Unternehmen oft eine vielversprechende Idee, wenn das Team sich regelmäßig abstimmt, täglich statt wöchentlich. Dadurch weiß immer jeder, wo wer steht und was als Nächstes anliegt. Wurschtelt jeder mehrere Tage vor sich selbst hin, fehlt der Gruppenzwang und der Gleichschritt. Sich gegenseitig zu unterstützen ist für den Teamprozess wahnsinnig wichtig. Sind die Rollen aber zu klar verteilt, lädt es dazu ein, sich darauf auszuruhen. Der Mensch neigt zur Faulheit, sonst hätten wir nicht das Rad, den Verbrennungsmotor und den Computer erfunden. Tägliche Zusammenarbeit hilft, dem entgegenzuwirken. Nur so machen Kanban-Boards und Retrospektiven wirklich einen Unterschied.

Meine Schlussfolgerung: Teamaufbau ist einfach und natürlich, wenn man zur gleichen Zeit und am gleichen Ort das gleiche Ziel hat und dafür zusammenarbeiten muss.

Man kann viel mehr, als man denkt

Da ich mit Camping noch nie was zu tun hatte, war ich am Anfang entsprechend nervös. Grauwasser, Elektrizität, Dieselheizung und Gas gehören nicht zu meinem täglichen Handwerkzeug. Umso überraschter war ich, dass mir diese Dinge leicht vielen. Trotz Unsicherheit die Dinge einfach mal auszuprobieren, hebt oft das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Man lernt sich selbst dadurch auch besser kennen. Mir war nicht klar, wie wichtig mit morgens eine warme Dusche ist und wie wichtig 80 cm breite Betten sind. Kaltes Dusch ging auch mehr oder weniger, aber gute Laune habe ich dadurch nicht bekommen. Ich habe also herausgefunden, was leichter fällt, als gedacht und mich gleichzeitig besser kennengelernt. Schon allein das war das Wochenende allemal wert.

In Unternehmen beobachte ich oft eine gewisse Berührungsangst vor agilen Methoden, Zusammenarbeit, eigenverantwortlichen Entscheidungen und dem offenen Umgang mit Fehlern. Die meisten Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, gaben nach einiger Zeit das Feedback, dass es leichter und schöner ist, auf diese Art zu arbeiten, als sie jemals für möglich gehalten haben. Allerdings gibt es auch immer wieder Personen, die feststellen, dass sie in ihrer Rolle oder in dem Unternehmen eigentlich unglücklich sind. Daraus sind immer wieder spannende Lebensentscheidungen entstanden, die die entsprechenden Personen nachhaltig glücklicher gemacht haben. Ich glaube, das allein ist es wert, das Neue mal zu probieren.

Meine Schlussfolgerung: Nur wer Neues probiert, kann das Bewährte beurteilen.

Ordnung ist essenziell

Der Camper war so klein, dass es notwendig war, Ordnung zu halten. Schon, wenn nur ein halbes Dutzend Sachen nicht an ihrem Platz sind, bricht gefühlt das Chaos aus. Schnell stellt sich das Gefühl ein, dass man nur noch am hin und her räumen ist. Echt ätzend. Ordnung zu halten hat zudem noch den Effekt, dass man schnell findet, was man benötigt. Beides ist notwendig, um schnell zu sein in der Umsetzung, etwa um alles regenfest zu machen, und in der Reaktionsgeschwindigkeit, wenn etwa der Regen plötzlich und unerwartet hereinbricht.

Das Thema Schnelligkeit ist auch in Unternehmen von herausragender Bedeutung. Schnelligkeit in der Umsetzung bedeutet mehr Gewinn. Reaktionsgeschwindigkeit ist wichtig, um diesen Gewinn auch zukünftig einfahren zu können. Der Umgang mit Ordnung im Unternehmen ist vor allem der Umgang mit Komplexität. Je mehr Projekte gleichzeitig auf dem Tisch liegen, desto langsamer und unübersichtlicher wird die Umsetzung. Das Gleiche gilt für die Kommunikationsstrukturen oder die Abhängigkeiten zu anderen Teams, Zulieferern oder Abteilungen. Komplexitätsreduzierung ist damit ein bißchen, wie das Aufräumen im VW-Bus. Ich kann nicht einfach eine Tasche mit wichtigen Utensilien aus dem Fenster schmeißen, um mehr Platz zu haben. Auflösen von Komplexität ist also keine vielversprechende Idee, aber man kann durch Visualisierung, Transparenz und klare Prinzipien dafür sorgen, dass die Komplexität navigierbar bleibt und die richtigen Maßnahmen zur richtigen Zeit getroffen werden können.

Meine Schlussfolgerung: Ordnung ist das halbe Leben.

Zusammenfassung

Camping ist ein typisches System im Sinne von Agilissence.

Der Camper zum Beispiel ist Teil der Struktur, im Umfeld entscheidend sind das Wetter, der Stellplatz und Waschbären. Es sind Handlungen notwendig, die schnell zur Anpassung führen, zum Beispiel wenn es regnet. Es gibt die Motivation, einfach mal was Neues zu erfahren und dazuzulernen. Da ich mit meiner Frau unterwegs war, kam es auch zu Diskussionen, denn sie hat eine andere Weltsicht, als ich. Ihr sind andere Sachen aufgefallen, als mir. Trotzdem waren wir so kompatibel, dass wir als Team gut zusammenarbeiten konnten. Als 2Cycles-Model ist es mit einem Unternehmen vergleichbar, denn auch dieses hat die Aspekte Struktur, Umfeld, Handlung, Weltsicht und Motivation.

Wer die Augen offen hält und ein bißchen nachdenkt, wird im Alltag viele Analogien finden, die sich auf ein Unternehmen übertragen lassen. Damit schwindet die Furcht vor Veränderung und agilen Methoden schnell, denn eigentlich ist das alles kein Hexenwerk, sondern folgt dem gesunden Menschenverstand.

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